Passivkonstruktionen im Deutschen. Oder: Wie man Verantwortung grammatikalisch entsorgt
Machen wir uns nichts vor: Das Passiv ist die Jogginghose der deutschen Grammatik. Bequem, weit verbreitet – aber selten ein Zeichen von Stil oder Tatkraft. Es wird getragen, wenn man nicht gesehen werden will, und es wird benutzt, wenn niemand schuld sein soll.
Dieser Blogbeitrag ist eine Liebeserklärung mit erhobenem Zeigefinger. Humorvoll, aber deutlich. Denn eines ist klar: Ich bin kein Freund von Passivkonstruktionen. Ich toleriere sie. Manchmal. Unter Aufsicht.
Was ist das Passiv? (Leider notwendig)
Das Passiv ist eine Verbform, bei der der Handelnde aus dem Rampenlicht gezerrt und die Handlung selbst auf die Bühne geschoben wird.
Aktiv:
Die Katze wirft die Vase um.
Passiv:
Die Vase wird umgeworfen.
Im Aktiv wissen wir: Die Katze war’s. Im Passiv denken wir: Tja. Dinge passieren halt. Und genau hier beginnt das Problem.
Das Passiv – ein sicherer Hafen für Schuldvermeidung
Das Passiv ist nicht zufällig beliebt. Es ist strategisch brillant – vor allem für Menschen, die Verantwortung für überschätzt halten.
Beliebte Lebensräume des Passivs
- Behörden
Der Vorgang wurde geprüft. - Unternehmen nach Fehlentscheidungen
Es wurden Fehler gemacht. - Private Haushalte mit pubertierenden Bewohnern
Der Müll wurde nicht rausgebracht.
Auffällig: Niemand taucht auf. Niemand handelt. Niemand steht gerade.
Wie bildet man das Passiv? (Damit wir es erkennen und vermeiden können)
Das Vorgangspassiv
Formel
werden + Partizip II
Beispiel
Aktiv:
Der Koch versalzt die Suppe.
Passiv:
Die Suppe wird versalzen.
Siehst du den Unterschied? Im Passiv hat plötzlich die Suppe das Problem, nicht der Koch.
Zeitformen? Ja, die gibt es auch:
- wird gemacht
- wurde gemacht
- ist gemacht worden
- wird gemacht werden
Spätestens hier fragt man sich: Warum eigentlich so kompliziert, wenn es auch ehrlich geht?
Das Zustandspassiv – das Passiv im Ruhestand
Das Zustandspassiv zeigt das Ergebnis einer Handlung.
sein + Partizip II
Beispiel:
Die Tür ist geschlossen.
Hier ist das Passiv vergleichsweise harmlos. Niemand interessiert sich dafür, wer die Tür geschlossen hat. Wichtig ist nur: Sie geht nicht auf.
Dieses Passiv darf bleiben. Unter Vorbehalt.
Das „von“ – der seltene Moment der Ehrlichkeit
Man kann im Passiv den Handelnden nennen:
Der Bericht wurde von der Praktikantin gelöscht.
Man tut es aber selten:
Der Bericht wurde gelöscht.
Warum? Weil das Passiv seine Magie verliert, sobald jemand Verantwortung übernimmt.
Warum zu viel Passiv schlechte Texte macht
Ein Text voller Passivkonstruktionen wirkt:
- aufgeblasen
- unklar
- mutlos
Beispiel
Es wurde entschieden, dass Maßnahmen umgesetzt werden.
Übersetzung:
Niemand möchte namentlich genannt werden, aber irgendwas soll passieren.
Aktiv wäre:
Die Geschäftsführung entscheidet und setzt Maßnahmen um.
Kürzer. Klarer. Mit Rückgrat.
Wann das Passiv trotzdem erlaubt ist (leider ja)
Ich bin streng, aber nicht unfair. Das Passiv hat seine Daseinsberechtigung:
- wenn der Handelnde unbekannt oder irrelevant ist
- in wissenschaftlichen Kontexten (sparsam!)
- wenn bewusst Neutralität erzeugt werden soll
Aber bitte: nicht aus Bequemlichkeit!
Merksätze für Passiv-Skeptiker
- Wenn dein Satz niemanden benennt, ist er wahrscheinlich feige.
- Wenn du dreimal „wurde“ liest, schreib ihn neu.
- Wenn dein Text klingt wie ein Behördenschreiben: Alarmstufe Rot!
Fazit – Schreib aktiv. Denk aktiv. Sei aktiv.
Das Passiv ist kein grammatischer Fehler, aber es ist oft ein stilistischer Ausweg.
Gute Texte zeigen:
- wer handelt
- wer entscheidet
- wer Verantwortung trägt
Oder kurz gesagt:
Aktiv schreiben heißt: Haltung zeigen.
Alles andere wird vermieden werden müssen.
